Leben und Arbeiten im Argos Animal Sanctuary

Zwischen Herz, Verantwortung und täglichem Einsatz für Tiere in Not

Der Tag beginnt früh im Argos Animal Sanctuary. In der wohltuenden Wärme eines zypriotischen Frühlingsmorgens liegt Bewegung in der Luft. Hunde bellen, Metallnäpfe klappern, Stimmen erklingen und alles dreht sich auch heute wieder darum, die Welt für alle ein wenig besser zu machen.

Seit elf Jahren reise ich regelmäßig nach Zypern. Ich begleite Hunde auf einem Teil ihres Weges in ein neues Leben in Deutschland, erzähle ihre Geschichten, berichte aber auch über die Situation im Land. Es sind Orte wie das Argos, die bleiben, weil sie nicht nur retten. Im Südosten der Insel gelegen ist es weit mehr als ein Tierheim, es ist ein Zufluchtsort für Hunde und Katzen, die ausgesetzt, vergessen oder misshandelt wurden. Und gleichzeitig ist es ein Ort, der versucht, etwas zu verändern: das Denken, das Handeln, den Umgang mit Tieren. Ich liebe diesen Ort und die Menschen, die ihn mit so viel Hingabe tragen.

Gegründet wurde das Argos von Stella (links im Bild), einer außergewöhnlichen Frau, die über Jahrzehnte mit Herz, Verstand und der Unterstützung Gleichgesinnter unermüdlich für den Tierschutz gekämpft hat. Anfang dieses Jahres hat Stella die Leitung des Tierheims Sotiroulla anvertraut, und gemeinsam mit Loraine führen sie die Rettungsarbeit als Team wie zuvor weiter. Sie werden dabei von einem engagierten Team aus Sue, Pambos, Tasoulla, Amanda, Steve, Lesley, Andreas, Bill und Helena unterstützt.

Stella (li) und Sotiroulla (re)

Bei meinem letzten Besuch hatte ich die Gelegenheit, Sotiroulla zu treffen. Ich habe sie gebeten, mir von sich, ihrer Motivation und ihrem Weg zu erzählen.

Das ist ihre Geschichte.

Ein Weg, der aus dem Herzen entsteht

Der Weg in den Tierschutz beginnt selten mit einem Plan. Oft ist es ein Gefühl, ein Moment, der alles verändert. „Ich konnte das Leid um mich herum einfach nicht ignorieren“, sagt Sotiroulla. So begann es mit einer einzelnen Rettung und wurde schnell zu einer Lebensaufgabe. Eine zweite folgte, dann eine dritte, bis aus spontaner Hilfe ein Alltag wurde, der heute ihr Leben bestimmt.

Eine besondere Rolle spielte dabei ihre erste Hündin Daisy, die 17 Jahre lang Teil ihrer Familie war. Durch sie habe sie verstanden, was bedingungslose Liebe bedeutet. „Von da an konnte ich nicht mehr wegsehen, wenn andere Tiere nicht dieselbe Chance hatten.“ Diese Haltung prägte nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Töchter, die ebenso sensibel auf das Leid von Tieren reagieren.

Seit rund zwölf Jahren engagiert sie sich aktiv im Tierschutz. Angefangen hat alles mit Pflegehunden bei sich zu Hause, daraus wurde ein kleines privates Tierheim, bis schwere Überschwemmungen sie an ihre Grenzen brachten.

In dieser Zeit erhielt sie Unterstützung von Stella, der Gründerin des Argos. „Sie hat mir geholfen, als ich es am dringendsten brauchte.“ Diese Begegnung wurde zum Wendepunkt und schließlich zum Beginn ihrer Arbeit dort. Als das Argos nach Jahrzehnten der Rettungsarbeit vor der Schließung stand, traf Sotiroulla eine Entscheidung, die ihr Leben erneut veränderte. „Es war wieder nichts, was ich geplant hatte, aber ich wusste, dass ich handeln musste.“

Heute führt sie das Argos weiter, nicht als Beruf im klassischen Sinne, sondern als Aufgabe. Als Verantwortung. Als Fortführung eines Lebenswerks. Ihre Motivation ist klar und zugleich einfach: es sind die Tiere. Sie sagt, das Argos sei mehr als ein Tierheim, es sei ein Ort der Hoffnung, gewachsen aus der Vision einer Frau, getragen von einem Netzwerk aus Menschen, die nicht wegsehen und gewidmet der Aufgabe, jedem Tier eine zweite Chance zu geben.

Ein Alltag ohne Pause

Einen typischen Tag gibt es im Argos Animal Sanctuary nicht. Jeder Tag ist anders und oft unvorhersehbar. Der Morgen beginnt früh mit füttern, reinigen, medizinisch versorgen. Danach folgen Tierarztfahrten, Neuaufnahmen, Vermittlungen, die Organisation von Transporten und unzählige administrative Aufgaben.

Parallel dazu müssen Reparaturen koordiniert, Materialien beschafft und all die kleinen Dinge erledigt werden, die den Betrieb am Laufen halten. „Es ist körperlich und emotional sehr anstrengend“, sagt Sotiroulla.

Was viele nicht sehen: die langen Tage, die ständige Verantwortung, die finanziellen Sorgen – und die emotionale Belastung. Besonders schwer sind die Momente, in denen schwere Entscheidungen getroffen werden müssen: wenn kein Platz mehr ist oder wenn man sich von einem Tier verabschieden muss. „Man lernt, diese Last zu tragen“, sagt sie. „Aber leichter wird es nie.“

Jedes Tier hat seine Geschichte

Aktuell leben 63 Hunde direkt im Tierheim, weitere werden von Freiwilligen zuhause betreut, so dass insgesamt rund 85 Hunde versorgt werden, dazu kommen zahlreiche Katzen. Für den nächsten Tag wurden weitere 10 Hunde erwartet, darunter eine schwangere Hündin

Viele Tiere stammen aus den umliegenden Dörfern und kommen in schlechtem Zustand an: unterernährt, krank, voller Parasiten. Doch hinter jedem Tier steht eine Geschichte. Eine davon ist die eines kleinen Chihuahuas, der sieben Jahre lang in einem winzigen Kaninchenkäfig leben musste. Als er gerettet wurde, konnte er nicht laufen und wusste nicht, wie man Vertrauen fasst. Mit Geduld, Zeit und Fürsorge hat er sich langsam verändert. Heute lebt er bei Sotiroulla, nicht nur, weil er krank ist und Medikamente braucht, sondern weil er ein Teil ihres Lebens geworden ist.

Nicht jedes Tier findet schnell ein Zuhause. Manche bleiben Monate, andere Jahre, einige für immer. Andere werden nie vermittelt, weil sie alt, krank oder schlicht „nicht gefragt“ sind.

Adoption ist Verantwortung

Wenn Adoptionen gelingen, ist es eine Freude, aber in seltenen Fällen scheitern sie auch. An den Tieren selbst liegt es nicht, vielmehr seien es die Erwartungen, sagt Sotiroulla. Viele Menschen wünschen sich einen unkomplizierten Hund, doch gerade gerettete Tiere brauchen Zeit, Geduld und Stabilität, sie müssen erst lernen, was es heißt, anzukommen. Deshalb setzen sie, zusammen mit dem Team von Hundeliebe-grenzenlos auf sorgfältige Vermittlung und ehrliche Kommunikation, denn ein Hund ist kein Spielzeug, sondern eine Verpflichtung für viele Jahre.

Patrick, Pablo (jetzt Jacky) und Loraine

Zwischen Grenzen und Durchhaltewillen

Die Herausforderungen, vor denen das Argos und sein Team stehen, sind groß. Es fehlt an Platz, an finanziellen Mitteln, an Ressourcen. Es gibt Momente, in denen die Belastung überwältigend wird – wenn das Tierheim voll ist, wenn Rechnungen bezahlt werden müssen oder wenn ein weiteres Tier Hilfe braucht, die man nicht leisten kann.

Deshalb ist Unterstützung lebenswichtig. Vor allem finanzielle Hilfe sichert Futter, medizinische Versorgung und den täglichen Betrieb. Doch auch Zeit, Engagement und Sichtbarkeit in sozialen Medien sind entscheidend.

Was Kraft gibt

Und trotzdem geht sie jeden Tag weiter. Was ihr die Kraft dazu gibt, sind die Tiere selbst: ihre Blicke, ihre Nähe, ihre bedingungslose Liebe. Und die Momente, in denen sie sehen kann, dass all die Mühe nicht umsonst ist – wenn ein Tier endlich ein Zuhause findet.

Natürlich gab es Momente, in denen sie ans Aufgeben gedacht hat. Aber der Gedanke daran bedeutete immer auch, die Tiere im Stich zu lassen. Und das kommt für sie nicht infrage.

Ein Blick nach vorn

Für die Zukunft wünscht sie sich vor allem Stabilität: bessere Bedingungen, sichere Strukturen, verlässliche Unterstützung. Ein Projekt, das ihr besonders am Herzen liegt, ist der Bau von Unterkünften für internationale Helfer und Besucher, die vor Ort unterstützen möchten.

Doch ihr größter Wunsch geht weit darüber hinaus. Sie hofft auf einen Tag, an dem Orte wie Argos nicht mehr gebraucht werden. Einen Tag, an dem Tiere nicht mehr ausgesetzt werden, an dem Kastration selbstverständlich ist und Verantwortung über Gleichgültigkeit siegt.

Bis dahin bleibt die Arbeit. Tag für Tag.

Pictures from the Argos Animal Sanctuary in Cyprus

Was jeder tun kann

Und für alle, die helfen möchten, ist die Botschaft einfach: handeln. Teilen, spenden, helfen, Zeit schenken oder einem Tier ein Zuhause geben, das heißt, adoptieren statt kaufen. Denn manchmal ist es genau diese eine Entscheidung, die für ein Leben den Unterschied macht zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit.